Fahrrad zum Kaffee

Velo - 2nd Gear (Foto: Copyright Gestalten 2013)

Velo – 2nd Gear (Foto: Copyright Gestalten 2013)

Fahrradfahren ist ja etwas sehr Körperliches. Mit den Händen trägt, hält und führt man sein Gefährt. Sie spüren die Lenkergriffe beim Fahren und den Rahmen beim Tragen; das Gesäß fühlt die Oberfläche des Sattels und die durch ihn übertragene Beschaffenheit der Straße. Insofern ist es nicht unpassend, das Fahrrad auch über die körperliche Form eines schönen Buches erlebbar zu machen; ein Buch, das sich schön anfühlt, das wohl riecht und Sinnliches für die Augen bietet. Das Buch “Velo – 2nd Gear” aus dem Gestalten-Verlag, das ich neulich als Rezensionsexemplar erhielt, ermöglicht solches Erleben.

Die Haptik

Das Buch ist in der Tat etwas für die Sinne. Ich halte ein 1,6 kg schweres Werk in Händen, das mit seinen 256 Seiten und seinem Format einem Coffee-table-book gleichkommt. Es hat einen schönen Einband, sich gut anfühlende und wohl riechende, dicke Seiten. Das Buch beinhaltet nahezu ausschließlich Fotografien, die auf dem matt scheinenden Papier sehr schön wirken. Ich blättere es jedenfalls gerne durch.  Soviel zum haptisch-visuellen Eindruck.

Der Inhalt

Inhaltlich will sich das in englischer Sprache verfasste Buch den verschiedenen Subkulturen widmen, die das Fahrradfahren inzwischen hervorgebracht hat. In seinem Vorwort beschreibt der Design- und Trendjournalist Shonquis Moreno, wie die “Fahrradkultur” inzwischen Politik beeinflusst und beispielsweise Stadtplanung verändert, wie sie über Mode und Design Identitäten schafft, wie sie “techie creatives” hervorgebracht hat, die innovative “playhorses & workhorses” entwickeln und wie sie begeisterte Traditionalisten dazu bringt, historische Radrennereignisse weiter zu pflegen und zu entwickeln. “Bikes are one of the richest and increasingly pervasive international subcultures of the day”, ist eine der zentralen Aussagen von Shonquis.

Foto: Vanguard Bicycles, Copyright Gestalten 2013

Foto: Vanguard Bicycles, Copyright Gestalten 2013

Und so begegnen mir verschiedene Aspekte dieser Subkultur in den Kapiteln des Buches. Unter der Überschrift “Bike Boutique” wird insbesondere die “fixed gear”-Bewegung fokussiert. Fahrräder verschiedenster Designer, trendige Ladengestaltungen, buntes Technikaccessoire und extravagant designete Komponenten – wie Sättel, Fahrradhalterungen und Lenkertaschen – werden in großformatigen Fotografien präsentiert.

Anjou Vélo Vintage, Fotos von Bertrand Berchard, Coralie Pilard (links unten), Copyright Gestalten 2013

Anjou Vélo Vintage, Fotos von Bertrand Berchard, Coralie Pilard (links unten), Copyright Gestalten 2013

In der Retroabteilung des Buches wird unter der Überschrift “Connoisseurs” insbesondere die Wiederbelebung und Neugestaltung historisch-traditioneller Rennradkultur in den Blick genommen. Der Leser entdeckt Landschaften mit Rennradfahrern in historisch anmutender Funktionsbekleidung und entsprechenden Rennrädern. Es werden aber auch Initiativen von Privatleuten vorgestellt, die sich um die Pflege von traditionellen Radevents verdient machen oder die Radrennfahrten mit wohltätigen Zwecken vereinbaren. Darüber hinaus sind in den Fotografien Fahrradteile zu bewundern, die Designer aus Holz fertigen, Lenkergamaschen aus Leder und Fahrraddesign, das traditionelle Rahmengestaltung mit modernen Design- und Technikvorstellungen verbindet.

Lock 7 Cycle Café, Foto von Claudia Janke, Copyright Gestalten 2013

Lock 7 Cycle Café, Foto von Claudia Janke, Copyright Gestalten 2013

Die Sektion “urban speedsters” entführt den Leser an Orte, an denen Engagierte in Großstädten ihre Leidenschaft für das Fahrrad mit dem Schaffen von Begegnungsorten verbinden (z.B. das “Lock 7 Cycle Café” in London). Umfassend werden in Fotografien Ideen für den Lastentransport in der Großstadt dargestellt. Aber auch Initiativen wie die der weißen Geisterräder oder Kunstaktionen durch Radaktivisten werden dokumentiert. Nebenbei bemerkt ist es interessant, dass die weltweite Critical Mass-Bewegung keine Erwähnung findet.

Dem Fahrrad als Reisegefährt widmet sich das vorletzte Kapitel “On Tour”. Bilder von schönen und schrägen Reiserädern, von Reisegepäck, Lenkerschildchen und sonstigem Zubehör für die Reise finden sich hier. Im letzten Teil des Buches (“Performers”) werden Fahrräder mit Stahlrahmen, Prototypen aus besonderem Material und E-Bikes vorgestellt. Ein Index mit den im Buch genannten Designern und Läden schließt das Werk ab.

Mein Fazit

“Velo – 2nd Gear” ist ein Buch, das ich gerne in der Hand halte, durchblättere und lese. Ich habe einiges kennengelernt, das mir bislang völlig fremd war. So habe ich mich beispielsweise selbst noch gar nicht mit Fahrraddesignern auseinandergesetzt und bin erstaunt, welche Vielfalt an sehr schönen Rädern und an Zubehör es gibt. Eine Vielfalt, die mich begeistert und an so manchem Fahrrad hätte ich auch Interesse. Allerdings geht es mir hier wie beim Betrachten einer Zeitschrift oder eines Buches mit Designkleidung: Die Produkte sind mit meinem Geldbeutel unbezahlbar. Die Fotografien sind sehr schön, die dargestellten Produkte werden ästhetisch präsentiert. Und es stellt sich ein Gefühl bei mir ein, dass ich wohl das eine oder andere gerne besitzen möchte, um mich jener im Vorwort benannten “Fahrradkultur” zugehörig zu fühlen und dies auch zu zeigen.

Und so blättere und lese ich während des sonntäglichen Kaffeetrinkens in meinem Wohnzimmer in diesem schön anzufassenden und zu betrachtenden Buch und gebe mich den schönen Gefühlen hin. Dann heißt es allerdings wieder, sich aufs Alltagsrad zu schwingen mit meiner Standardausrüstung. Und ich stelle fest: Ich liebe mein Fahrrad und seine Ausstattung, ich fahre gerne in meiner Stadt damit umher. Ich bin Teil der “Fahrradkultur”.

Velo—2nd Gear. Bicycle Culture and Style
Herausgeber: Sven Ehmann, Robert Klanten
Format: 24 x 28 cm
256 Seiten, gebunden
Preis: 38 Euro
ISBN: 978-3-89955-473-1
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Über Roland Brühe

Pflegepädagoge und -wissenschaftler, Popmusikhörer, Radfahrer, Hobbykoch und Genießer Zeige alle Beiträge von Roland Brühe

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