Neulich schrieb schon “der Radler” über seine Einschätzungen zur penetrant verbreiteten Meinung, dass Radfahrer floureszierende Warnwesten tragen sollten, auf dass Autofahrer sie besser erkennen könnten. Die Diskussion zu seinem Beitrag zeigt nicht nur eine kritische Haltung der Radfahrer zu diesem Thema auf, sondern gleichfalls die falsche Aufforderung an die Radfahrer (nennen wir sie “Opfer”), sich vor dem schnellen Autoverkehr zu schützen. Nicht der autofahrende Verkehrsteilnehmer hat anscheinend auf die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer zu achten, sondern der Radfahrer auf seine eigene gegenüber anderen motorisierten.
Andi hat in seinem Blog “People Powered” in diesem Zusammenhang einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht. Darin reflektiert er die Verteilung von Warnwesten an Schulkindern (auch an seinen eigenen Sohn) durch den ADAC.
Sein Beitrag endet mit den Worten, adressiert an den Automobilclub (eigene Übersetzung): “Nennen Sie mich zynisch, aber die Westen, die Sie ausgeben, verstärken die Mitteilung, dass Fußgänger nur unter Protest auf den Straßen – oder Fußwegen – erlaubt sind und dass alle, die in den ‘Heiligen Raum für Autos’ treten, wie radioaktive Teletubbies gekleidet sein müssen und sich außerhalb der Reichweite der ‘Very Important Drivers’ aufhalten sollten.” Verletzte Kinder seien in dieser Denkweise selbst schuld, sie sollten sich lieber nicht außer Haus aufhalten und bewegen. Die an seinen Sohn verteilte Warnweste wird jedenfalls im Schrank verbleiben.
Die Beiträge von “der Radler” und Andi finde ich deshalb bemerkenswert, weil sie die seit längerer Zeit schwelende Problematik auf den Punkt bringen. Nicht der Verursacher von Verkehrsgefahren wird in die Pflicht genommen, die Sicherheit zu gewährleisten. Das potentielle Opfer wird vielmehr daraufhin getrimmt, sich maximal auszustatten, um dem schnell fahrenden Autofahrer rechtzeitig ein nicht zu übersehendes Leuchtsignal zu bieten. In welcher Welt leben wir denn, dass floureszierend-kostümierte Radfahrer schnell und schneller fahren wollenden Autofahrern die Umsicht und Rücksicht ersparen sollen? Eine funktionierende Lichtanlage ist doch ausreichend, um im Straßenverkehr bei Dunkelheit erkannt zu werden. Der Autofahrer ist derjenige, der Achtsamkeit für andere, langsamere Verkehrsteilnehmer aufbringen muss!
Und wenn Kindern in der Schule bereits beigebracht wird, dass sie es sind, die sich zu schützen haben mit Helm und Warnweste (was kommt als nächstes?), dann besteht die Gefahr, dass dies als Selbstverständlichkeit mit dem Älterwerden begriffen wird und das Fahrverhalten dieser wahrscheinlich zukünftigen Autofahrer mit dieser Selbstverständlichkeit ausgestattet sein wird.
Eltern, Ihr seid gefragt! Radfahrer, lasst Euch nicht von der Autolobby ideologisieren!


25. Oktober 2011 um 08:17
Hallo Roland, ich kann hier Deine Meinung nicht teilen. Zwar finde ich es richtig, den Radfahrer nicht alsTäter sondern als Opfer zu sehen, doch da ich auch – wenn mitllerweile auch selten – Auto fahre, finde ich es einfach absolut wichtig und sinnvoll, dass sich Fußgänger und Radfahrer in der dunklen Jahreszeit so kleiden, dass man sie sieht. Bei aller Vorsicht kann es extrem schnell passieren, dass man einen “dunklen” Verkehtsteilnehmer übersieht. Ich finde das selber immer alarmierend, wie sehr man als Fußgänger in der Dunkelheit untergeht. Ich trage meist diese reflektierenden HOsenbänder, wenn ich zu Fuß unterwegs bin, weil ich mich dann auch einfach sicherer fühle, wenn ich die Straße überquere (Zebrastreifen/Ampeln). Wenn sich immer mehr Leute/Kinder so ausstatten birgt es natürlich die Gefahr, dass Autofahrer die nicht reflektierenden Teilnehmer erst recht nicht mehr erkennen.
Also bitte, versuche auch Deinen Beiträgen beide Seiten zu sehen, es ist nicht alles schwarz-weiß…
Beste Grüße, “Marlina”
25. Oktober 2011 um 18:13
@Marlina
Ich habe einen 3 Watt Scheinwerfer am Fahrrad und bin trotzdem in der Lage Fussgänger rechtzeitig zu erkennen, egal was sie anhaben.
Wenn Du mit deinen zwei mal 55 Watt Autoscheinwerfern dazu nicht in der Lage bist, dann kann da etwas nicht stimmen.
25. Oktober 2011 um 18:43
Hallo Siggi,
ich verstehe nicht, warum in solche Diskussionen oft so eine unnötige Schärfe und Unerbittlichkeit kommt. Ich habe nicht gesagt, dass ich dazu nicht in der Lage bin, denn dann hätte ich bestimmt schon einige umgesäbelt und keinen Führerschein mehr! Es ist nur so, dass man als Autofahrer noch mehr – wie soll ich sagen – visuellen Reizen und Ablenkungen etc. ausgesetzt ist, was es mitunter schwer macht, nicht so auffällige Verkehrsteilnehmer schon lange vorher wahr zu nehmen. Ich will hier auch nicht als die Verfechterin des Autoverkehrs auftreten, sondern lediglich eine andere Sicht der Dinge aufzeigen. Ich bin immer dafür, Probleme von mehreren Seiten zu betrachten.
Bei der Gelegenheit: Auch ich bin eine Gegnerin der jetzt wieder diskutierten Helmpflicht, das geht mir auch zu weit und entledigt die Autofahrer ihrer Verantwortung; in den letzten Wochen hat es so viele richtig schwere Radunfälle mit Autobeteiligung gegeben, dass ich mich echt frage, wo da die Lobby für die Radfahrer ist. Mit Helmpflicht ist es nicht getan und das ist viel zu einseitig.
Viele Grüße, Marlina
26. Oktober 2011 um 00:02
Eine “unnötige Schärfe und Unerbittlichkeit” in Diskussionen finde ich auch nicht gut. Gleichermaßen bin ich nach wie vor der Meinung, dass eine ordentliche Lichtanlage ausreicht, um Radfahrer im Straßenverkehr zu erkennen. Und wenn ich als Radfahrer zum Beispiel nachts im Park unterwegs bin, ist selbstverständlich eine entsprechende Vorsicht geboten, da ich nicht davon ausgehen kann, dass ich die Fußgänger sofort erkennen kann. Auf der Straße allerdings muss ich zunächst davon ausgehen, dass sich alle an die Verkehrsregeln halten – also auch bei roter Ampel stehen bleiben. Ein dunkel gekleideter Fußgänger, der bei roter Ampel über die Straße geht, muss nicht wirklich damit rechnen, dass man ihn sofort wahrnimmt. Hielten sich also alle an die Regeln (so unbequem sie im Einzelfall auch erscheinen mögen), ginge es friedfertiger und sicherer zu.
26. Oktober 2011 um 09:03
Es gibt auch Ampelsituationen, da fühle ich mich bei grün überhaupt nicht sicher, weil der abbiegende Autoverkehr um die Ecke brettert. Aber ich merke, schriftlich haben solche Diskussionen wohl echt keinen Sinn.
26. Oktober 2011 um 09:18
[...] Kommentar von „Marlina“ zum Beitrag auf Rolands Blog zum Thema Tragen von Warnwesten brachte das mein Fass mal wieder zum [...]
26. Oktober 2011 um 12:51
Ich denke, es ist an der Zeit, dass sich alle Verkehrsteilnehmer darauf besinnen, dass Regeln und Rücksichtnahme (vor allem auf Schwächere) sinnvoll sind, zum größten Teil jedenfalls.
Ich find’s nicht witzig, wenn ein Fußgänger mal eben noch über die Straße hüpft, besonders, wenn’s dunkel ist. Der muss den fließenden Verkehr einfach abwarten.
Völlig unbeleuchtete Radfahrer bei Dunkelheit sind auch nicht witzig, die werden von keinem richtig und vor allem rechtzeitig gesehen, weder von anderen Radfahrern noch von Fußgängern noch von Autofahrern. Heute morgen wurde ich Zeuge, wie zwei von denen fast zusammengerasselt wären. Ich versteh’s einfach nicht.
Andererseits sind viele Regeln einfach für Autofahrer gemacht und für Radfahrer und Fußgänger ergeben sich z. B. durch Ampelschaltungen und Verkehrsführungen lange Wartezeiten oder Umwege. Das führt dann zu Frust und auch dazu, dass Regeln übertreten werden. Geht mir selbst nicht anders. Wird wohl auch leider so bleiben, so lange der Verkehr so autofokussiert bleibt. Und die Lobby ist ja leider mächtig…
Ich persönlich habe durch das Lesen der diversen Fahrradblogs einiges dazugelernt: mehr Abstand vom rechten Fahrbahnrand, noch mal Abstand von rechts am Fahrbahnrand oder auf dem Seitenstreifen parkenden Autos und auch – als Autofahrer – sehr viel Abstand beim Überholen von Radfahrern. Ich hoffe, dass sich nachfolgende Autofahrer das evtl. abgucken…
Wenn ich von mir auf andere schließe, denke ich, dass es oft Nichtwissen (manchmal vielleicht auch Nichtwissenwollen) ist , wie sich der andere Verkehrsteilnehmer in einer bestimmten Situation fühlt.
26. Oktober 2011 um 18:46
Das Thema “Tragen von Warnwesten” ist ein Symptom der Tatsache, dass im Strassenverkehr immernoch und fast uneingeschränkt das Gesetz des Stärkeren gilt.
Jeder, der das Tragen von Warnwesten propagiert, akzeptiert diese Tatsache und betoniert sie gleichzeitig. Vom ADAC und von der Verkehrswacht (beides i. W. Lobbyveranstaltungen der Automobilindustrie) hätte ich auch nichts Anderes erwartet. Dass die Polizei dabei auch noch mitmacht, zeigt eigentlich, dass von deren Seite auch keine Hilfe zu erwarten ist.
Wenn ich lese, dass es “bei aller Vorsicht” passieren kann, dass man im Dunkeln jemanden übersieht, kann ich nur sagen dass es offensichtlich nicht genug Vorsicht ist, dass immernoch mit unangepasster Geschwindigkeit gefahren wird.
Solange das noch als Begründung durchgeht, gilt weiter das Gesetz des Stärkeren.
17. November 2011 um 17:46
Wie wir ja inzwischen wohl alle mitbekommen haben kann man auch in einer Gruppe mit Warnweste & heller Taschenlampe totgefahren werden.
Andererseitz haben z.b. Autos auch seit den 90′ern reflektierende Kennzeichen, um beim Ausfall eines Lichts noch als Auto wahrgenommen zu werden (Fataler fehler: oh ein Motorrad kommt da, kamma nochm a eben ueberholen)
Und auch am Rad ist man nicht gegen den Ausfall (oder in meinem Fall zuletzt “Abfall”) der Beleuchtung gefeit.
Weil ein Rennrad wenige gute Plaetze zum befestigen von Reflektoren bietet, und die Muellmannweste unterm Rucksack verschwindet (also quasi sinnlos ist) und aufgeklepte Reflektoren vom sonst schwarzen Rucksack abblaettern hab ich jetzt so ein Teil: http://www.respro.com/products/urban-commuting/cycling/hiviz_hump/
Sollte also mal wieder eins der recht hellen Ruecklichter ( http://www.chainreactioncycles.com/SearchResults.aspx?Search=smart ) streiken oder verlustig gehen, bin ich trotzdem sichtbar.
Es gibt btw. auch Reflektierendes Matrial was nicht so kacke ausschaut wie die komischen Westen.